Schmerzen beim Pferd erkennen

30.01.2009 19:10


Akute, schmerzhafte Geschehen, wie Verletzungen oder Koliken werden normalerweise von derart deutlichen Schmerzäußerungen begleitet, dass sie nicht übersehen werden.

Anders dagegen verhält es sich bei Erkrankungen, die mit chronischem Schmerz einhergehen, wie z. B. degenerative Erkrankungen des Bewegungsapparates. Hier setzen Veränderungen eher schleichend und allmählich ein, so dass das Tier auf die Beobachtungsgabe seines Halters angewiesen ist.

Checkliste zum Thema Schmerz beim Pferd:

  • Gibt es Lektionen beim Reiten, die Ihr Pferd früher willig mitgemacht hat, bei denen aber seit einiger Zeit Probleme auftreten?
  • Gibt es Bewegungsabläufe, die Ihrem Pferd seit einiger Zeit schwer fallen?  (Biegungen, Wendungen, z. T. nur einseitig; Galopp plötzlich nur noch  auf einer Hand möglich, häufiges Umspringen in den Kreuzgalopp, häufiges Verweigern beim Springen;  Schwierigkeiten beim bergauf- oder bergabreiten....)
  • Ist Ihr Pferd in allem deutlich langsamer geworden?
  • Verhält sich Ihr Pferd anderen Pferden oder Menschen gegenüber plötzlich aggressiv?
  • Oder steht Ihr Pferd in der Herde plötzlich teilnahmslos abseits?
  • Legt Ihr Pferd sich nicht mehr zum schlafen hin oder wälzt sich seit einiger Zeit  nicht mehr?
  • Kommt Ihr Pferd steif aus der Box und läuft sich dann ein?
  • Nimmt Ihr Pferd auffällige Schonhaltungen ein?
  • Frißt Ihr Pferd schlechter als früher?
  • Reißt Ihr Pferd Ihnen beim Reiten plötzlich die Zügel aus der Hand? Geht gegen die Hand?
  • Steht Ihr Pferd häufig mit introvertiertem Blick und nach hinten horchenden Ohren da?
  • Wirkt das Fell plötzlich glanzlos und rau? Gibt es an einigen Stellen aufgerichtete Haare?
  • Stöhnt oder grunzt Ihr Pferd gelegentlich?
  • Haben Sie manchmal für kurze Momente das Gefühl, dass Ihr Pferd ganz leicht lahmt?
  • Sind Gangunreinheiten oder Taktfehler neu aufgetreten?
  • Schwitzt Ihr Pferd ohne vorangegangene Arbeit?
  • Zittert Ihr Pferd gelegentlich an den Beinen?
  • Ist Ihr Pferd beim Reiten plötzlich schlecht zu sitzen oder haben Sie als Reiter nach dem Reiten auf einmal Rückenschmerzen?
  • Verrutscht der vorher passende Sattel plötzlich beim Reiten immer wieder zu einer Seite?
  • Buckelt Ihr Pferd plötzlich oft?
  • Knirscht Ihr Pferd mit den Zähnen?
  • Stolpert Ihr Pferd häufig?
  • Fußt Ihr Pferd beim Antraben oder bei Trabverstärkungen für einige Momente extrem breitbeinig ab?
  • Hat Ihr Pferd Gewicht verloren?
  • Ist Ihr vorher ruhiges Pferd beim Reiten plötzlich ein stürmischer Temperamentsbolzen?
  • Hat Ihr Pferd Sattelzwang entwickelt?
  • Sieht Ihr Pferd von vorne, von der Seite oder von hinten asymmetrisch aus?
  • Schlägt Ihr Pferd plötzlich häufig mit dem Schweif, auch wenn keine Fliegen da sind?
  • Ist Ihr Pferd auf einmal nicht mehr „schmiedefromm“?




All dies können Anzeichen dafür sein, dass Ihr Pferd Schmerzen hat!
Haben Sie eine oder mehrere dieser Fragen für Ihr Pferd mit „ja“ beantwortet, sollten Sie die Problematik von Ihrem Tierarzt abklären lassen.

Pferd mit Hufrehe - typische Haltung und leicht zu erkennen

Pferde haben – besonders bei chronischen Schmerzen – nur sehr begrenzte Möglichkeiten, auf sich aufmerksam zu machen, deshalb ist Ihr Pferd auf Ihre Beobachtungsgabe angewiesen, um Hilfe zu bekommen.



Schmerz
Die offizielle Definition der Weltgesundheitsorganisation für den Begriff „Schmerz“ lautet:
„Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktuellen oder potentiellen Gewebeschädigungen verknüpft ist oder mit Begriffen solcher Schäden definiert ist.“

Schmerz bedeutet also nicht nur die bloße Wahrnehmung von Reizen, sondern auch die gefühlsmäßige Bewertung des Schmerzes, wobei sowohl die Wahrnehmung als auch die Bewertung des Schmerzes völlig subjektiv erfolgt.
Das bedeutet:
Was dem einen Pferd (Mensch, Hund) schon so richtig weh tut, ist dem anderen gerade mal unangenehm. Außerdem kann ein- und derselbe Schmerz situationsabhängig unterschiedlich bewertet werden, z. B. dann, wenn ein doch eigentlich stocklahmes Pferd ausbüxt und hinter seinem Kumpel zur Weide herrennt, ganz ohne Lahmen, weil die Aufregung diese gerade überdeckt.

Tiere machen es uns Menschen ohnehin schon ganz schön schwer, Schmerzen bei Ihnen zu erkennen – noch schwerer wird es, wenn dann auch noch situationsabhängige, gefühlsmäßige Komponenten hinzukommen.

Deshalb muss grundsätzlich gelten:
Jegliche Schmerzäußerung vom Tier muss ernst genommen werden!




Akuter Schmerz/Chronischer Schmerz
Akuter Schmerz hat eine wichtige Schutzfunktion für den Organismus. Hat ein Pferd erstmalig in seinem Leben Kontakt zu einem Elektrozaun und bekommt einen entsprechenden Schlag versetzt, bedeutet dies, dass es in Zukunft den Kontakt zu solchen Bändern oder Seilen vermeiden wird.
Erleidet das Pferd beim Toben auf der Weide eine Zerrung, wird der dadurch entstehende Schmerz dazu führen, die betroffene Gliedmaße zu schonen.
Beides sind Beispiele dafür, dass Schmerz eine sinnvolle Schutzmassnahme und Lernerfahrung für den Organismus bedeutet.

Bei chronischen Schmerzen dagegen ist diese Schutz- und Lernfunktion verloren gegangen. Der chronische Schmerz definiert sich über seine Dauer, die Erfolglosigkeit verschiedener Behandlungsversuche, die Beeinträchtigung des Patienten im körperlichen und seelischen Bereich und den Verlust der uneingeschränkten Mobilität. Solche chronischen Schmerzen entstehen z. B. durch degenerative Veränderungen am Skelett (Arthrosen, etc.) oder durch unbemerkt gebliebene muskuläre Verkrampfungen.



Schmerzbehandlung:
Akute Schmerzen, die eine sinnvolle Schutzfunktion für den Organismus haben, äußern sich meist in hellem, stechenden Oberflächenschmerz. Sie entstehen z. B. bei frischen Verletzungen oder auch durch eine Operation.
Die Behandlung akuter Schmerzen setzt die Mitarbeit des Patientenhalters voraus!
Ein verletztes oder operiertes Pferd, das schmerz- und entzündungshemmende Medikamente vom Tierarzt verordnet bekommen hat, ist sich nicht darüber im Klaren, dass das verletzte oder operierte Gebiet noch einer Schonung bedarf und würde – so man es ließe – am normalen Herdenleben teilnehmen, sich bewegen oder sogar herumtoben. Dies ist nicht im Sinne des Tieres, da dadurch leicht Folgeschäden entstehen.
Also muss hier der Tierhalter regulierend eingreifen, indem er sich strikt an die vom Tierarzt verordnete Bewegungseinschränkung ( z. B. Boxenruhe, Bewegung nur im ruhigen, geführten Schritt, Aufenthalt draußen nur im Kleinst-Paddock, etc.) hält, um überschießende, schädliche Bewegungen auszuschließen.
Akute Schmerzen, deren Ursache erkannt und behandelt worden ist, nicht mit entsprechender Schmerzmedikation zu behandeln, um das mit der Schmerzbehandlung verbundene aufwändige Haltungsmanagement zu umgehen, streift sehr schnell Bereiche von Tierschutz und Ethik.

Chronische Schmerzen, die sich im eher dumpfen, schlecht zu lokalisierenden Tiefenschmerz äußern, tun irgendwann „nur noch weh“ und  haben keine sinnvolle Funktion mehr für den Organismus. Diese chronischen Schmerzen müssen unbedingt behandelt werden, da andauernder Schmerz erhebliche Nebenwirkungen auf den gesamten Organismus hat:

  • Erhebliche Einschränkung der Lebensqualität
  • Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System
  • Auswirkungen auf das Atmungssystem
  • Auswirkungen auf den Magen-Darm-Trakt
  • Auswirkungen auf das Hormon-System
  • Auswirkungen auf Nerven und Muskeln
  • Auswirkungen auf die Psyche


Die Behandlung chronischer Schmerzen geschieht, da an der Ursache – wie bei degenerativen Erkrankungen des Bewegungsapparates in Form von Arthrose – nichts geändert werden kann, durch begleitende Maßnahmen:

  • Angepasste Schmerzmedikation
  • Änderung der Haltungsbedingungen
  • Physiotherapeutische Massnahmen zur Schmerzbehandlung
  •  


Möglichkeiten der Tierphysiotherapie in der Behandlung chronischer Schmerzen:

  • Anwendung physikalischer Therapie (Kälte, Wärme)
  • Magnetfeld-Behandlung
  • Behandlung reflektorisch verkrampfter Muskulatur
  • Gezielte Bewegungsübungen zur Verbesserung der Durchblutung
  • Behandlung reflektorisch überlasteter Bereiche
  • Verbesserung der Beweglichkeit erkrankter Bereiche
  • Gezielter Muskelaufbau
  • Halterschulung zum Umgang mit der speziellen Erkrankung Ihres Pferdes


Oftmals kann eine physiotherapeutische Behandlung den Teufelskreis Schmerz unterbrechen und durch eine Verbesserung der Beweglichkeit des betroffenen Bereiches erheblich zur Steigerung der Lebensqualität Ihres Pferdes beitragen.

Haben Sie weitere Fragen zum Thema „Schmerz“ oder zu Erkrankungen des Bewegungsapparates?
Kontaktieren Sie mich unverbindlich, ich berate Sie gern!
 

Kontakt

Christina Homburg D-95493 Bischofsgrün mobil: 0170 / 9907596

info @ tierphysiotherapie-homburg.de